More than just a job: Ich heisse Annette König, bin promovierte Germanistin und Literaturkritikerin bei SRF. In meinem Bücher-Blog teile ich meine Lese-Leidenschaft mit euch!

Ein literarischer Höhenflug

So einen cleveren Krimi wie Young-ha Kims «Aufzeichnungen eines Serienmörders» habe ich noch nie gelesen! Für mich ist dieses Buch ein Überflieger: scharfsinnig, verdichtet, poetisch, schlicht. Eine einzigartige Mischung aus literarischem Tagebuch, Haiku und Ermittlungsgeschichte. Unglaublich! 

 

Tierarzt Byongsu Kim, 70, pensioniert, hat schon lange nicht mehr gemordet. Er ist aus dem Alter raus. Jetzt liest er lieber Klassiker, schreibt Gedichte und spaziert in seinem Bambushain. «Wenn ich die Blätter rauschen höre, bin ich in Gedanken bei jenen, die hier begraben liegen. Bei den Leichen, die nun als Bambus in die Höhe schiessen, dem Himmel entgegen.» Byongsu Kim denkt gerne an die Vergangenheit zurück. Das waren schöne Zeiten, als die Lust am Töten noch seine grösste Leidenschaft war. «Bei jedem Opfer, das ich begrub, sagte ich mir, beim nächsten Mal machst du es besser. Als ich diese Hoffnung nicht mehr hatte, gab ich das Morden auf.» Das war vor 25 Jahren. Doch eines Tages begegnet Byongsu Kim einem Mann. Intuitiv weiss er: dieser Typ ist wie er, ein kaltblütiger Serienmörder! Um seine Tochter zu schützen, plant er seinen letzten Mord. Doch die Sache eilt. Denn Byongsu Kim ist dement. Er muss den Killer umbringen, bevor er vergisst, wer er ist. Ein mörderischer Wettlauf mit der Zeit beginnt!

  • Literarisch. Dieser Krimi könnten aus der gemeinsamen Feder von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt stammen: unerbittlich wie «Das Versprechen», altersweise wie «Der Mensch erscheint im Holozän» und anregend wie Frischs Tagebücher. Juchu! Auch ein Krimi kann Weltliteratur sein.
  • Politisch. Dieser Krimi wird vor dem Hintergrund koreanischer Geschichte erzählt. Die Handlung spielt im heutigen Südkorea. Doch Young-ha Kims Mörder blendet in seinen Aufzeichnungen immer mal wieder zurück. Schildert warum er in den 70er Jahren mit dem Morden angefangen hat. Die Gründe sind auch systembedingt: Krieg, Repression, Propaganda. Mehrfach wird er nicht gefasst, weil seine Tötungsdelikte in die Schuhe von nordkoreanischen Spionen geschoben werden. Doch die südkoreanischen Polizei-Funktionäre täuschen sich: Der Teufel ist nicht der Kommunismus und Nordkorea. Der Teufel ist ein anderer...
  • Glaubwürdig. Dieser Krimi ist so echt, dass mich beim Lesen das Gefühl beschleicht «vor dem schwarzen, weit aufgerissenen Maul einer Höhle zu stehen». Mit dieser trefflichen Metapher ist die schwarze Seele von Mörder Byongsu Kim gemeint. Sein geheimes Tagebuch zu lesen heisst, mit ihm seine Wahrnehmung, seine intimsten Gedanken und Gefühle zu teilen und mit ihm in die Finsternis seiner Demenz abzugleiten.
  • Feinsinnig. Dieser Krimi beinhaltet weit mehr als einenen fesselnden Plot. Er ist eine philosophische Betrachtung über Leben und Sterben, über Altwerden und Vergessen. Young-ha Kim setzt sich mit altersbedingter Demenz auseinander. Lässt mich erahnen wie das ist, wenn man langsam aus der Welt fällt, weil das Ich verschwindet.

köfdaö

Delia Owens Roman «Der Gesang der Flusskrebse» ist ein romantischer Mix aus Nature-Writing, Coming-of-Age-Story, Krimi und Liebesgeschichte. So gefühlvoll, harmonisierend, hinreissend und verklärend – hätte das Buch eine Farbe, dann wäre das für mich eindeutig Rosa! Warum Rosa und nicht Dunkelgrün könnt ihr in meinem Blog nachlesen. 

 

Feel Good! Neun Gute-Laune-Bücher gegen den Corona-Koller

Bei all dem entschleunigten Stress: Home Office, Home Schooling, Home Irgendwas - da kann einem schon mal die Decke auf den Kopf fallen. Aber euch wird das nicht passieren! Ich habe euch nämlich meine liebsten Gute-Laune-Bücher zusammengestellt. Allesamt der Knüller. Viel Spass und Vergnügen!

 

Die Bücherliste

 

Alex Capus: «Glaubst Du, dass es Liebe war»

Antti Tuomainen: «Die letzten Meter bis zum Friedhof» 

Jonas Jonasson: «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» 

Jonas Jonasson: «Der Hundertjährige, der zurückkam um die Welt zu retten» 

Lucy Fricke: «Töchter» 

Wolf Haas: «Junger Mann» 

Miika Nousiainen: «Die Wurzel alles Guten» 

Antti Tuomainen: «Klein-Sibirien»

Peter Schneider: «Der Club der Unentwegten»

Nick Hornby: «Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst» 

 

«Milchmann» spielt um mein Herz!

Anna Burns «Milchmann» versetzt mich in Aufruhr. Er läuft mir nach. Wie eine Liebe, die man nicht will und von der man gleichwohl weiche Knie kriegt. Ein faszinierend widersprüchlicher Roman: anziehend, abstossend, lähmend, berauschend, rau, zärtlich, traurig, tröstend, hässlich, leuchtend, schön!  

Belfast. Eine junge Frau, 18, liest im Gehen den Klassiker «Ivanhoe» und fällt dabei einem einflussreichen Paramilitär ins Auge. Dieser umwirbt sie, stalkt sie, lauert ihr auf. Sie gerät in Panik. Lässt ihn abblitzen. Doch keine Chance. Sie hat nicht das Rüstzeug, sich selbst zu helfen. Kennt keine Alternative, nur Wut, Trotz und lähmende Ohnmachtsgefühle. Im katholischen Quartier zirkulieren bereits Gerüchte. Sie sei ein Paramilitär-Groupie. Selbst «Mutter» und «Vielleicht-Freund» glauben das. Anna Burns erzählt die universelle Geschichte einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg gehen will. Und das inmitten des Nordirland-Konflikts.

  • Unkonventionell. Die Autorin schreibt völlig neuartig, mit einer ganz eigenen Erzähltechik. Sie erläutert nichts, ordnet nichts ein. «Milchmann» ist keine Geschichtslektion. Ich werde knallhart ins kalte Wasser geschmissen. Grund: Anna Burns geht es per se um ein Leben im Ausnahmezustand, egal wo!
  • Originell. In diesem Roman gibt es keine herkömmlichen Namen. Die Figuren sind nach ihrem Beziehungsstatus zur Ich-Erzählerin benannt. Da ist zum Beispiel «Vielleicht-Freund»: ein Automechaniker, der Probleme kriegt, weil er sich den Kompressor eines Blower-Bentley angeschafft hat. Ein Verräterteil von «der anderen Seite der See». Da ist «Schwager Drei», der mit Burns Protagonistin gerne joggen geht. Oder «Schwester Drei», die mit ihren Freundinnen Saufgelage abhält und torkelnd über die Gartenhecke fällt. Oder dann «Irgendwer McIrgendwas», der Burns Protagonistin eine Waffe auf die Brust setzt, am Tag an dem der «Milchmann» stirbt und der «echte Milchmann» die Herzen aller Frauen gewinnt!
  • Exzeptionell. Diese Milieustudie. Ich erhalte Einblick in eine «ausgesprochen verschlossene, klatschsüchtige, übertrieben prüde, aber zugleich unanständig totalitäre» Gemeinschaft im Belfast der 70er Jahre. Erkenne wie Gewalt, Gewalt generiert. Erkenne wie Denunziantentum und Propaganda funktionieren. Nerve mich wie Burns Protagonistin die Augen vor der politischen Wirklichkeit verschliesst, wie sie sich unterordnet und innerlich abstumpft. Hey girleen, wer nicht selbst entscheidet, über den wird entschieden. Damnaigh é! 

Sechs Buchtipps für lange Abende zu Hause

Wenn ich Bücher lese, fühle ich mich mit der Welt vernetzt. In Zeiten wie diesen ist das mehr als Gold wert. Jeden Abend zuhause Netflix schauen mag ja spassig sein, aber langfristig? Da muss Lesestoff her. Meine sechs Buchtipps für euch! 

Nick Hornby bringt mich in heitere Schieflage!

Nick Hornby schreibt in seinem neuen Roman über die Ehe in ganz «normaler» Schieflage. So leicht, humorvoll und befreiend, dass es das reinste Lesevergnügen ist. «Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst» strotzt nur so vor spitzzüngigen Dialogen, Sarkasmus und Witz. Very British. Ich liebe es!

 

Und dann verhandelt Nick Hornby die  Ehekrise von Tom und Louise an einem genialen Ort: im Pub. Die beiden treffen sich dort vor jeder Sitzung, zehn Wochen lang. Unter der Woche kommunizieren sie nur via SMS. Dafür knistert es umso mehr bei ihren wöchentlichen Treffen bei Wein und Bier. Und während sie so vor ihren GäsIm Pub ziehen die beiden so richtig übereinander her. Hier gilt kein Subtext mehr. In schlagfertigem Frage-Antwort-Spiel, mit kleineren Handgreiflichkeiten und viel Situationskomik wird zur Sprache gebracht, was in der Therapie nur angedeutet oder unter den Teppich gekehrt wird. Hornby beschreibt diese Szenen mit unvergleichlichem Humor. Zum Krummlachen. Gerade weil einem so viel vertraut vorkommt.

 

In der Sendung  «Treffpunkt» auf Radio SRF 1 habe ich mit  Paartherapeut Peter Michalik den Reality-Check zu Nick Hornbys Buch gemacht. Hier könnt ihr die Sendung nachhören! 

 

Bei diesen Büchern spüre ich keinen Beat!

Die Musiker Chris von Rohr, Bela B Felsenheimer und Rocko Schamoni jagen in literarischen Gefilden. Sie machen nicht nur Musik, sie schreiben auch Bücher. Der eine hat seine Autobiografie verfasst, der andere sein Romandebüt und der Dritte die Lebensgeschichte eines Freundes. Wie ich das finde? Lau.

 

Aber gute Bücher von Musiker*innen gibt es. Ich habe eine Umfrage auf Facebook gemacht und von euch wertvolle Buchtipps erhalten. Vielen Dank! Hier gleich alles was reingetrudelt ist:

 

Henry Rollins: «Get in the Van: On the Road With Black Flag»

Patti Smith: «Just kids»

Dirk von Lowtzow: «Aus dem Dachsbau»

Heinz Strunk: «Der goldene Handschuh»

Jeff Teeedy/Wilco: «Lets go»
Hendrik Otremba: «Kachelbads Erbe»

Thorsten Nagelschmidt: «Wo die wilden Maden graben» resp. «Der Abfall der Herzen» und ganz neu «Arbeit»

Françoise Cactus: «Autobigophonie»

Die beiden Flake-Bücher taugen auch was

Alles von Thomas Meinecke

Sven Regener. «Herr Lehmann»

Gereon Klug:  «Low Fidelity»

Steve Earle:  «I'll Never Get Out Out Of This World Alive»

 

Dieser Finne gibt Vollgas!

Antti Tuomainens neuen Krimi «Klein-Sibirien» zu lesen, heisst: sich wie ein Rallyefahrer dem Geschwindigkeitsrausch hinzugeben. Warm und wuchtig durchfluten mich Adrenalin und Endorphine. Mit 200 km/h und Spikes kurve ich über Schnee und Eis. Hebe ab. Beginne zu fliegen, lang und weit. JUCHAA!  

Ich belle in höchsten Tönen!

«Der Freund» von Sigrid Nunez erzählt von einer aussergewöhnlichen Freundschaft. Eine Schriftstellerin verliert überraschend ihren besten Freund und kriegt seine Dogge Apollo vermacht. Gemeinsam bewältigen die beiden ihre Trauer: Sie liest ihm Rilke vor. Er legt ihr Knausgård in den Schoss. Wuff! 

 

Brillant. Sigrid Nunez hat für ihren Roman die Erzähltechnik des Stream of Consciousness – Bewusstseinsstroms – gewählt. Die Ich-Erzählerin tritt in einen inneren Dialog mit ihrem verstorbenen Freund. Erinnert sich an Gesagtes, reflektiert Geschehenes und versucht so, eine Antwort auf seinen Suizid zu finden. Diese Unmittelbarkeit entwickelt einen unwiderstehlichen Sog! Und was mir auch gefällt: Die Autorin gibt Einblick, wie man einen autobiografischen Roman schreibt. Was man verfremdet, was übertreibt. Und wie man am Ende durch Fiktion zur Wahrheit vordringt.

Wegen diesem Klassiker bin ich durch den Wind!

Habe ich «Vom Wind verweht» verkannt? Und nie gelesen, nur weil mir der Film mit Vivien Leigh und Clark Gable den Blick verstellt und den Verstand mit Kitsch vernebelt hat? Das alles ist nun «Gone with the Wind». Die Neuübersetzung des Klassikers ist eine grosse Entdeckung für mich! Bin beeindruckt wie hintergründig dieser Roman ist! Wie da amerikanische Geschichte - Sezessionskrieg und die Ära der Rekonstruktion - mit der Entwicklung einer jungen Frau einhergeht. Und wie geschickt die Autorin in der Figur von Rhett Butler Kritik am Krieg übt. Dieser vertritt die Meinung: die Kriegseuphorie der Südstaaten ist falsch. Mit Baumwolle, Sklaven und Arroganz lässt sich kein Krieg gewinnen. Dafür aber als Blockadebrecher und Yankee-Freund ein Vermögen verdienen... Mehr über meine Leseeindrücke erfahrt ihr hier

 

Das ist Kanada für mich!

Wildnis – Bäume, Berge, Bären und eine einsame Blockhütte am See. Das ist der Schauplatz von Bernadette Calonegos neuem Krimi «Mörderischer Morgen». Wollte eigentlich nur schnell reinschauen, doch dem Zauber Kanadas erliege ich sofort. Gelesen zwischen den Jahren, im kalten, verschneiten Engadin. Wenn das nicht passend ist!   

 

Bernadette Calonego ist in der Schweiz aufgewachsen und vor zwanzig Jahren nach Kanada ausgewandert. Sie ist Schriftstellerin und freie Auslandkorrespondentin,  lebt an der Sunshine Coast in Vancouver sowie in Neufundland. 

Meine liebsten Bücher 2019

Dieses Jahr haben vier Bücher meinen Herzschlag übermässig beschleunigt. Zufällig alles Debüts, zufällig alle von Frauen geschrieben: Josephine Rowe, Nell Zink, Aura Xilonen und Karina Sainz Borgo. Wenn also Bücher unter den Weihnachtsbaum, dann diese Ladung Frauenpower! 

 


Mit diesen Short Storys läute ich Weihnachten ein!

Ich mag Short Storys, die mit viel Wärme und Suspense geschrieben sind. Bewegende Geschichten, wie die von Lessing, Stamm und Schmit. Sie alle erzählen «worum es wirklich geht». Sind geheimnisvoll, werfen Lebensfragen auf. Beunruhigen und beglücken durch ihre Sinnhaftigkeit. 

 

Peter Stamm «Marcia aus Vermont»

Als Stammianerin kann ich nur jubeln. Peter Stamm is back mit einer hinreissenden Kurzgeschichte. Schlicht, packend, reif und durchdacht. So geschrieben, wie ich es liebe. Peter, 50, Künstler, will Marcia wiedersehen. Als junger Mann hat er sie in einer Weihnachtsnacht in New York kennengelernt. Ihre Selbstsicherheit und Unverblümtheit hatte ihm gefallen. Sie kauften sich Whisky und schlüpften unter die Decke. Doch was war in jener Nacht wirklich geschehen? Peter weiss es nicht mehr. Die Erinnerungen haben seit dann ein Eigenleben entwickelt. Jetzt will Peter Klarheit. Er bricht nach Vermont auf. Dort wird er erwartet. Als Gast im Künstlerhaus von Marcias Vater. Und wie schon einmal vor einundreissig Jahren, nähert sich leise die Weihnachtsnacht...

 

Doris Lessing «Worum es wirklich geht»

Wenn man Doris Lessings Short Storys liest, dann weiss man, was Meisterklasse ist. Die Literatur-Nobelpreisträgerin schreibt mit einer Klarheit und Präzision, die einzigartig ist. Kein Wort zu viel, jedes gehaltvoll und am richtigen Platz. Und dann dreht sich alles noch um Herzschmerz! Mit grossem Vergnügen lese ich ihre fünf verzwickten Beziehungskisten. Es geht um leidenschaftliche Seitensprünge, unkonventionelle Lieben, um das lästige Korsett der Ehe und um – ebenfalls lästig – das Älterwerden. Ich bin begeistert, wie Lessing über das spannungsgeladene Verhältnis der Geschlechter schreibt. Mit psychologischem Gespür, Skepsis und nadelspitzem Humor.

 

Elise Schmit «Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen»

Diese Geschichten schmerzen wohlig. Weil sie schürfen, bläuen, brechen – während ich mich in meinem Ohrensessel – very british – in Sicherheit wähne. Aber weit gefehlt! Die Autorin aus Luxemburg erzählt von tragischen, und zugleich mutigen Stürzen aus unterschiedlichen Fallhöhen. Von bewegenden Momenten, einschneidenden Erlebnissen. Von Liebe und Verzweiflung. Ihre Geschichten lesen sich wie verkürzte Romane, in denen mit knappen, kräftigen Bleistiftstrichen auf nur wenigen Seiten der ganze Kosmos eines Menschen skizziert wird. Grossartig die Short Story «Im Zug». Ein Mann fühlt intuitiv, dass es aus ist mit der Liebe. Ziellos reist er im Zug hin und her. Tagelang. Bis er zufällig am Meer ankommt, aussteigt und aus dem Leben fällt.

 

Was ist Herkunft?

Herkunft ist Grossmutter. Herkunft ist Krieg. Saša Stanišić, Ivna Žic, Melinda Nadj Abonji und Marko Dinić schreiben in ihren Büchern über ihre jugoslawischen Wurzeln und biografischen Brüche. Geistreich, fesselnd, zartbittersüss! Denn: Sie sind in einem Land geboren, das es heute nicht mehr gibt. 

 

Besonders freue ich mich über die News, dass unterdessen Ivna Žic für den Schweizer Buchpreis und Saša Stanišić für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert sind. Beide sind für mich heisse Anwärter auf die Auszeichnung. Und gestern Abend konnte ich gleich mit Ivna Žic höchst persönlich auf ihre Nominierung anstossen. Sie war Gast in unserer SRF1-Literatursendung BuchZeichen live aus der Barakuba-Bar in Basel. 

Dieser Roman raubt mir den Schlaf

Karina Sainz Borgos Roman «Nacht in Caracas» ist von einer dunklen Schönheit, die beispielslos ist. Eine Venezolanerin verliert gewaltsam alles, was ihr wichtig ist: die Mutter, die Heimat, den Namen. Ein sprachgewaltiger Höllenritt durch die Nacht und ein Land mitten im Kollaps! 

Todo junto. «Nacht in Caracas» ist all das zusammen:  packend, verstörend, ergreifend, atmosphärisch, politisch, historisch, symbolisch, allgemeingültig, sprachgewaltig, schön, finster, traurig, mutig, hoffnungsvoll.

 

Simone Lappert zwingt mich aufs Dach!

Über Simone Lapperts neuen Roman «Der Sprung» lässt sich kaum etwas erzählen, ohne zu spoilern. Darum verrate ich nur, was Buchtitel und erster Satz schon tun: Eine junge Frau springt vom Dach und danach ist nichts mehr wie zuvor. Wie ich das finde? Gelungen, mit ein paar springenden Fragezeichen.  

 

Zwei Wochen, vier Seen und ein Buch!

Diese Sommerferien habe ich auf Erkundungsfahrt in der Schweiz und Umland verbracht. Mit dem Ziel: schöne Badestrände in der Nähe zu finden, wo ich mich wie am Meer fühle. Blaues Wasser, goldener Sand. Und tatsächlich! Nur zwei Stunden von zu Hause entfernt: Plage Yvonand am Neuenburger See. Genau so stelle ich mir einen Strand am «Meer» vor. Idyllische Bucht, Sand, schattiger Wald. Entspannte Leute und sogar Hunde sind erlaubt. Da kriege ich richtig Lust auf Müssiggang mit meiner Ferienlektüre «Blond» von Joyce Carol Oates. Tut das gut!

Schon der erste Satz von «Blond» zieht mich in seinen Bann: «Da kam er, der Tod, flog im schwindenden Sepialicht über den Boulevard.»

Mich schauderts. Der Wind frischt auf. Der Roman handelt von Marilyn Monroe. Wie aus dem kleinen Mädchen Norma Jeane Baker die Marilyn-Monroe-Film-Ikone wurde. Wie sie sich selbst sah. Was sie fühlte, warum sie ihre Seele an Hollywood verkaufte und sterben musste. Wie es kommen konnte, dass sie alles hatte und doch so unglücklich war. Joyce Carol Oates stellt sich diesen Fragen. Ich bin elektrisiert und kann nicht mehr von der Lektüre lassen. Habt ihr gewusst, dass Monroe belesen war? Dass sie Gedichte schrieb? Dass ihr Arthur Miller das Drehbuch zu ihrem letzten Film - er heisst «Misfits» - auf den Leib geschrieben hat? Dieser Roman ist «literarisch verdichtetes Leben». Gerade darum kommt er dem Mensch hinter dem Mythos so nahe!

Internationales Literaturfestival Leukerbad - diese Bücher habe ich von dort mitgebracht

Heisse Krimitipps für den Sommer

Joseph Incardona ist ein Klassiker gelungen!

Pierre Castan ist ehemaliger Rechtsmediziner. Er sitzt völlig dehydriert in seinem hermetisch abgeschlossenen Auto, um zu sterben. Im Nirgendwo, auf einer französischen Autobahn-Raststätte. Doch Sterben im Auto braucht Zeit. Und die Zeit ist dafür noch nicht reif. Castan selbst muss noch etwas erledigen: Er will den Mörder seiner Tochter finden, bevor weitere Mädchen sterben müssen. Seit Monaten ist er hinter ihm her. Denn das Fehlen von Tochter Lucie ist für ihn eine offene Wunde. «Ein verschwundenes Kind. Ihm genommen, ihm gestohlen. Das hätte er nicht gebraucht, um zu verstehen, wie sehr er sie geliebt hat.» Gerade als Castan eigentlich vor Verzweiflung schon aufgegeben hat, packt ihn eine innere Unruhe. Er riecht förmlich, dass er dem Täter so nahe ist wie nie zuvor. Dass dieser binnen Stunden erneut zuschlagen wird und dann die Zeit für seine Rache gekommen ist. Einige Stunden später ist es soweit: Marie, zwölf Jahre alt, weisses Spaghetti-Top, Hot Pants, gelbe Flipflops, verschwindet an der Aire des Lilas. Pierre nimmt die Jagd auf. Er ist nur 80 Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt. Und auch Julie Martinez, Capitaine der Gendarmerie wittert den Mörder. Ohne es zu wissen, arbeitet sie Pierre Castan in die Hand. Ein mörderischer Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

 

Der Lausanner Joseph Incardona sticht mit «Asphaltdschungel» aus der Krimi-Landschaft nicht nur der Schweiz heraus. Sein achter Roman ist dermassen knüppelhart, abgründig und brutal, dass es fast nicht auszuhalten ist. Die harten Staccato-Sätze rauben einem den Atem. In schnellen, raffinierten Perspektivenwechseln legt der Autor ein Netz um den Mörder. «Asphaltdschungel», 2015 mit dem Grand Prix de littérature policière für den besten französischsprachigen Kriminalroman ausgezeichnet, ist ein Roman noir, der in den Knochen wehtut. Der nicht nur wegen Überschneidungen in der Anlage (kleines Mädchen verschwindet an Raststätte...), sondern auch in seiner Unerbittlichkeit an «Das Versprechen» von Friedrich Dürrenmatt erinnert. Und so wie Dürrenmatts Werk ist auch «Asphaltdschungel» ein zeitloser Klassiker. Denn bei jeder erneuten Lektüre kommen neue Facetten der psychologisch komplexen Geschichte ans Tageslicht. Und hat man erst diese seelisch verdaut, dann lässt sich Incardonas prosaische Sprache so richtig geniessen. Darum: Lest dieses Buch unbedingt – am besten gleich zweimal!

 

Live-BuchZeichen

Gast im Live-BuchZeichen aus der Barakuba-Bar ist der Basler Autor Patrick Tschan. Sein neuer Roman «Der kubanische Käser» ist ein packender Schelmenroman. Der Noldi Abderhalden, 16, hat Liebeskummer und verdingt sich im Suff den katholischen Truppen. Es ist die Zeit des dreissigjährigen Kriegs. Erst geht es als Söldner ins Veltlin, dann als Kriegsheld an den spanischen Königshof. Denn Noldi hat mit einer Hand - oh Wunder - eine Kanonenkugel abgewehrt und damit seinem Feldherrn das Leben gerettet.  Doch am Hof lässt er kein Liebesspiel mit diversen Marquesas und Princesas aus und kriegt Zoff mit der Inquisition. Nach Kuba verbannt widmet er sich dann der Käseproduktion. Ein Mix aus Märchen, Abenteuer- und Liebesgeschichte. Für alle, die sich zu Schelmen hingezogen fühlen.

 

Das Wichtigste zum Schelmenroman in Kürze: Diese Romanform ist in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Spanien entstanden. Hat dann in Europa – weil unterhaltsam – viele Nachahmer gefunden. Die Figur des Schelms stammt meist aus einfachen Verhältnissen, ist ungebildet, aber «bauernschlau». Er geht auf Reisen, erlebt Abenteuer, gerät in Kriegsscharmützel, durchläuft z. B als Kuhhirt, Soldat, Kriegsheld und Chronist alle möglichen gesellschaftlichen Schichten und wird dadurch zu deren Spiegel. Traditionell ist der Schelmenroman in der Ich-Form geschrieben, als fingierte Autobiografie. Der Ich-Erzähler blickt auf sein Leben zurück. Und was der Clou dabei ist: Unterhaltung, Dichtung und Gesellschaftskritik gehen dabei Hand in Hand.

 

Mein Solothurner Literatur-Tage-Buch

Die Highlights der Solothurner Literaturtage 2019: Vier Tage rase ich durch Solothurn, vom 31.5 bis 2.6. Und berichte euch laufend über die besten Bücher und überraschendsten Begegnungen. Habt ihr schon gewusst, dass Milena Moser an einer mexikanischen Kultur- und Liebesgeschichte schreibt? Oder der neue Ferdinand von Schirach geistreich und tiefgründig ist?

 

Der neue Roman «GRM» von Sibylle Berg ist nichts für mich!

Dystopien sind keine Wohlfühlbücher, sondern die besten Gegenwartsanalysen, die man kriegen kann. Sie malen ganz gezielt ein düsteres Bild der Zukunft, um damit den Blick für die Gegenwart zu schärfen. Ich lese sie als literarische Sorgenbarometer einer Gesellschaft, in der sich das einzelne Individuum, mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Zukunftsängsten, nicht mehr aufgehoben fühlt. Unbedingt zu lesen, sind die Klassiker «1984» von George Orwell und «Brave New World» von Aldous Huxley. Oder dann «The Circle» von Dave Eggers, «Die Hochausspringerin» von Julia von Lucadou oder aus dem arabischen Raum «Die 33. Hochzeit der Donia Nour» von Hazem Ilmi. Aufwühlende Bücher, die aktueller nicht sein könnten!

 

Auch Sibylle Bergs neuer Roman «GRM» ist ein Dystopie. Ich habe eben meiner Tochter, 10, erzählt, um was es darin geht. Ihr Kommentar: «Weg damit!» Und eigentlich hat sie da ja recht. Langsam habe ich diese düster-dystopischen Romane satt, die die Gegenwart schwärzer als schwarzmalen und einem noch das letzte Quäntchen Optimismus austreiben. Das Setting: Der perfekte Überwachungsstaat, irgendwann nach dem Brexit. Die Story: Vier Jugendliche in Manchester rebellieren gegen den «Brainfuck» der heutigen Welt. Wo Algorithmen die Menschen ersetzen, wo die Jungen wie Junkies alle 10 Minuten ihren Instagram-Account checken. Wo das reale Leben langweiliger als das virtuelle Leben geworden ist. Wo die Kids verwahrlost und verloren sind, weil die Eltern auf dem Egotrip und überfordert sind. Wo die modernen «Steinzeit»-Frauen wieder an den Haaren von den Männern aus den Höhlen geschleppt werden. Wo sich die Krisen der Gegenwart in Ohnmachtsgefühlen, Wut, massloser Gewalt, Rassismus und Frauenfeindlichkeit manifestieren.

 

Mein  Fazit: «GRM» ist Sibylle Bergs radikalstes Buch. Sie trifft damit den Nerv der Zeit. Dafür hat sie den Schweizer Buchpreis 2019 erhalten. Ihr Roman mag den einen gefallen. Bei mir hat Bergs Programmiersprache «Brainfuck» allerdings nicht funktioniert. Zu trashig, zu bitter. 

 

Lemon & Chili aus Mexiko

Diese zwei Neuerscheinungen aus Mexiko lassen mich die die Welt um mich herum vergessen. Dem Mexikaner bin ich zufällig auf einer Joggingrunde begegnet.

I love Japan

Diese Bücher erzählen von ewigen Singles, Love Hotels und dünnen Wänden, von Katzentötern, schwebenden Rauchern, der Suche nach Nilpferden und von der Kirschblüten-Zeit! Habt ihr gewusst, dass man diese Hanami nennt? Das heisst «Blüten schauen». In der Regel ist damit ein Picknick unter blühenden Kirschbäumen gemeint. Die Kirschblüte gilt als Symbol für Schönheit und Vergänglichkeit. «Liebe auf Japanisch» von Kerstin und Andreas Fels ist ein unglaublich origineller Reiseführer. Er kommt als moderne Love-Story daher. Kenji und Yukiko heissen die beiden Hauptfiguren. Sie führen mich durchs Tokio des 21. Jahrhunderts - auf der Suche nach der Liebe. Und wer noch mehr über Japan erfahren will – über den aktuellen Kaiserwechsel, über die älteste Monarchie der Welt und ihren Gründungsmythos, der kann das in dieser Kontext-Sendung.

 

Bei Krimi-Meisterin Kanae Minato setze ich die Messlatte hoch. Ihr Thriller «Geständnisse» ist für mich einer der besten überhaupt. Er ist verstörend gut. Ich fühle mich beim Lesen wie auf einer Kamikaze- Achterbahn. Erst geht's ruckelnd hoch. Dann rase ich in die Tiefe und kreische mir das halbe Halszäpfchen raus.  Klickt hier und ihr erfahrt mehr über «Geständnisse».

 

Nur leider ihr neuer Krimi «Schuldig» - GÄHHHHN – ist das Gegenteil davon. Erzählt wird die Geschichte von fünf Studenten aus Tokio. Sie verbringen einige Ferientage in einem Bergkaff.

Der Weg dorthin ist kurvig. Einer der Freunde – Hirosawa - kommt von der Strasse ab und stirbt. Drei Jahre später erhalten seine Freunde anonyme Briefe, in denen sie des Mordes an Hirosawa beschuldigt werden. Ist an diesen Anschuldigungen etwas dran?

 

Ich verrate nur so viel: Suchst du Ruhe, lass dich auf dieses belanglose Geplätschere ein. Suchst du Thrill, dann lass es sein!

 

Auf den Spuren einer Urgrossmutter

Nachdem ich heute drei Mal den Zug und eine Buchvernissage verpasst habe, wollte ich wenigstens etwas Kluges tun und habe schnell einen Blick in den historischen Roman «Nach Ohio» von Benedikt Meyer geworfen. Doch aus schnell ist lang geworden. 
Die Geschichte seiner Urgrossmutter aus Oberwil, die mit 19 für fünf Jahre nach Amerika ausgewandert ist, hat mich fasziniert. So eine interessante und mutige Frau, die aufbricht in ein neues Leben, weil ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fällt und sie endlich etwas erleben will.


Ein Abenteuerroman, ein Zeitdokument, ein Roadmovie. Grossartig erzählt. Meyer fährt mit dem Velo nach Ohio auf den Spuren seiner Fanni und haucht ihr damit Leben ein. Gut, die vielen 3er-Aufzählungen haben mich leicht gestresst. Aber damit füllt Meyer offenbar gerne historische Lücken.

Mein Fazit: Ich wünschte mir, auch ich wäre im Besitz einer solch gelungenen Hommage an meinen Urgrossvater. Er ist auch um 1890 ausgewandert, aber nach Argentinien. Er wurde in der Schweiz versehentlich beerdigt, weil er jemandem seinen Pass geliehen hat, der dann auf der Rückfahrt nach Europa samt Schiff in einem Sturm untergegangen ist. Man stelle sich den Schock, die Freude und das Glück (OHA! 3er-Aufzählung) vor, als er plötzlich wieder aufgetaucht ist!

 

Ein teuflisch gutes Debüt aus Tasmanien!

Davon träume ich schon lange: einmal nach Down Under, in den australischen Busch gehen. Dorthin, wo Zikaden zirpen, Giftspinnen krabbeln, Koalas sich ihre Bäuche mit Eukalyptus vollschlagen. Mit Josephine Rowes mitreissendem Debütroman «Ein liebendes, treues Tier» wird dieser Traum wahr!

 

Das beste Debüt 2018 ist...

«Mein Ein und Alles» von Gabriel Tallent. Ein verstörend guter Roman. Alle meine Überlebensinstinkte musste ich aufbieten, um den Kampf auf Leben und Tod der jungen, taffen Heldin Turtle auszuhalten. Diese wird von ihrem Vater missbraucht. Doch ihr Selbsterhaltungstrieb ist stärker - als «Alles».

 

Den Tipp für diesen Roman habe ich vom französischen Starautor Philippe Djian erhalten. So wie Tallent möchte auch er schreiben.

Diesen Roman liebe ich!

«Junger Mann» von Wolf Haas ist eine herrlich heitere Coming-of-Age-Geschichte mit Tiefgang. Der Held, 13 Jahre alt, heisst Wolf Haas – TA-DAAH – kapiert? Er ist ein bisschen zu dick und zu jung für sie. Sie ist ein bisschen zu schön und zu verheiratet für ihn. Doch dann purzeln die Kilos ... Und was so erfrischend ist: Wie Wolf Haas in österreichischem Slang schreibt. Wie er mit liebevoller Selbstironie auf sein junges, verliebtes, pummelig-pickliges Alter Ego schaut. Auf Wolf Junior, der ausgerechnet mit Erz-Rivale Tscho nach Griechenland fährt. Seinetwegen zum ersten Mal das Meer sieht. Die anrührendsten Momente seines Lebens erlebt und dabei erwachsen wird.

 

Wolf Haas war unser Gast im Live-BuchZeichen aus der Barakuba-Bar in Basel. Wir haben uns gleich super gut verstanden und uns off the record witzige Anekdoten erzählt. Stichwort: Buch und roter Nagellack. 

 

9 Literatur-NobelpreisträgerInnen, die ich gerne gelesen habe!

Vor 100 Jahren erhielt der Schweizer Carl Spitteler den Literaturnobelpreis. Guter Grund, mal wieder die Liste der Prämierten zu durchforsten. Puh – so viele grosse Namen sind dabei. Wen also lesen und was? Faulkner oder Camus? «Der Fremde» oder «Die Pest»? Meine Wahl steht fest!


Kamel Daoud überzeugt mich wieder!

Der neue Roman «Zabor» von Kamel Daoud liest sich wie 1001 Nacht.» Erzählt wird die Geschichte eines jungen Algeriers, der die Gabe hat, Sterbenden das Leben zu verlängern - solange er über sie schreibt. Doch als sein Vater im Sterben liegt will seine Gabe nicht so recht funktionieren. Zabor fehlt das Mitgefühl für seinen tyrannischen Vater, der ihn gepeinigt und verstossen hat.

Kamel Daouds Roman ist eine Hommage an die Macht der Worte, an die Macht des Buches. Er gibt mir eine Antwort, warum wir schreiben und lesen: «Das Bedürfnis ist uralt und lebensnotwendig. Weil es den Tod gibt, weil es ein Ende gibt und deshalb auch einen Anfang, den in uns wiederherzustellen unsere Aufgabe ist, eine erste und letzte Erklärung. Schreiben oder erzählen ist das einzige Mittel, um in der Zeit zurückzugehen, ihr zu begegnen, sie wiederherzustellen oder sie zu kontrollieren.»
Ein schlichtes, leises, philosophisches Meisterwerk über Leben und Sterben.

 

Unbedingt auch lesen: Kamel Daouds Erstling «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» zu  «Der Fremde» von Albert Camus. Daoud gibt dem namenlosen Araber in Camus Werk einen Namen und hat damit ebenfalls einen Klassiker geschaffen.

 

Marko Dinić versetzt mich in den Ausnahmezustand

Marko Dinić erzählt in seinem Debüt «Die guten Tage» von einer Jugend in Belgrad. Wie sein Ich-Erzähler als Kind Tito und Milošević geliebt und den Nato-Fliegern den Hintern gezeigt hat. Heute – 20 Jahre später – liebt er niemanden mehr. Er rechnet ab. Eindringlich und knallhart. Was mir gefällt: zwei Drittel der Handlung spielt in einem Gastarbeiterexpress. Der Ich-Erzähler ist auf dem Weg an die Beerdigung seiner Grossmutter und reist mit dem Bus von Wien nach Belgrad. Was er da erlebt ist phänomenal. Wenn ihr mal die Chance habt, lasst euch auf eine solche Busreise ein. Sie wird bestimmt ein Erlebnis sein!

 

Ein kleines, literarisches Kunstwerk

«Stirb doch Liebling» von der Argentinierin Ariana Harwicz liest sich zwar schnell - weil dünn - liegt einem dafür aber umso schwerer auf. Darf eine Mutter davon träumen, Mann und Baby umzubringen?

 

Harwicz erzählt von den seelischen Abgründe einer jungen Frau, die damit hadert Mutter geworden zu sein. Gefangen in der Mutterrolle, in der Beziehung und in der beklemmenden Abgeschiedenheit eines 

provenzalischen Dorfs.

 

Mordlust, Todessehnsucht gepaart mit sexuellem Verlangen suchen die namenlose Erzählerin heim. 

 

Ich werde in ein Wechselbad der Gefühle geworfen. Diese Protagonistin stösst mich ab. Und genau das will Harwicz. Sie spielt mit Vorurteilen und Leseerwartungen.

 

Sprachlich ist dieser Roman brillant. Und Kunst ist nicht nur, was einem gefällt!

Mit diesen vier Krimis springt ihr in den Frühling

Um fit in den Frühling zu starten, gehe ich regelmässig laufen. Manchmal muss ich dafür den inneren Schweinehund überwinden. Mein Rezept: 30 Minuten Lauftraining werden mit einer Stunde Krimi-Lesezeit belohnt. Das funktioniert aber nur, wenn die Krimis richtig gute Pageturner sind. Hier meine Tipps!

 

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