More than just a job: Ich heisse Annette König, bin promovierte Germanistin und Literaturkritikerin bei SRF. In meinem Bücher-Blog teile ich meine Lese-Leidenschaft mit euch!

Was ist Herkunft?

Herkunft ist Grossmutter. Herkunft ist Krieg. Saša Stanišić, Ivna Žic, Melinda Nadj Abonji und Marko Dinić schreiben in ihren Büchern über ihre jugoslawischen Wurzeln und biografischen Brüche. Geistreich, fesselnd, zartbittersüss! Denn: Sie sind in einem Land geboren, das es heute nicht mehr gibt. 

 

Besonders freue ich mich über die News, dass unterdessen Ivna Žic für den Schweizer Buchpreis und Saša Stanišić für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert sind. Beide sind für mich heisse Anwärter auf die Auszeichnung. Und gestern Abend konnte ich gleich mit Ivna Žic höchst persönlich auf ihre Nominierung anstossen. Sie war Gast in unserer SRF1-Literatursendung BuchZeichen live aus der Barakuba-Bar in Basel. 

Dieser Roman raubt mir den Schlaf! 

Karina Sainz Borgos Roman «Nacht in Caracas» ist von einer dunklen Schönheit, die beispielslos ist. Eine Venezolanerin verliert gewaltsam alles, was ihr wichtig ist: die Mutter, die Heimat, den Namen. Ein sprachgewaltiger Höllenritt durch die Nacht und ein Land mitten im Kollaps! 

Todo junto. «Nacht in Caracas» ist all das zusammen:  packend, verstörend, ergreifend, atmosphärisch, politisch, historisch, symbolisch, allgemeingültig, sprachgewaltig, schön, finster, traurig, mutig, hoffnungsvoll.

Simone Lappert zwingt mich aufs Dach!

Zwei Wochen, vier Seen und ein Buch!

 

Diese Sommerferien habe ich auf Erkundungsfahrt in der Schweiz und Umland verbracht. Mit dem Ziel: schöne Badestrände in der Nähe zu finden, wo ich mich wie am Meer fühle. Blaues Wasser, goldener Sand. Und tatsächlich! Nur zwei Stunden von zu Hause entfernt: Plage Yvonand am Neuenburger See. Genau so stelle ich mir einen Strand am «Meer» vor. Idyllische Bucht, Sand, schattiger Wald. Entspannte Leute und sogar Hunde sind erlaubt. Da kriege ich richtig Lust auf Müssiggang mit meiner Ferienlektüre «Blond» von Joyce Carol Oates. Tut das gut!

Schon der erste Satz von «Blond» zieht mich in seinen Bann: «Da kam er, der Tod, flog im schwindenden Sepialicht über den Boulevard.»

Mich schauderts. Der Wind frischt auf. Der Roman handelt von Marilyn Monroe. Wie aus dem kleinen Mädchen Norma Jeane Baker die Marilyn-Monroe-Film-Ikone wurde. Wie sie sich selbst sah. Was sie fühlte, warum sie ihre Seele an Hollywood verkaufte und sterben musste. Wie es kommen konnte, dass sie alles hatte und doch so unglücklich war. Joyce Carol Oates stellt sich diesen Fragen. Ich bin elektrisiert und kann nicht mehr von der Lektüre lassen. Habt ihr gewusst, dass Monroe belesen war? Dass sie Gedichte schrieb? Dass ihr Arthur Miller das Drehbuch zu ihrem letzten Film - er heisst «Misfits» - auf den Leib geschrieben hat? Dieser Roman ist «literarisch verdichtetes Leben». Gerade darum kommt er dem Mensch hinter dem Mythos so nahe!

Internationales Literaturfestival Leukerbad - diese Bücher habe ich von dort mitgebracht

Heisse Krimitipps für den Sommer

Gast im Live-BuchZeichen aus dem Barakuba ist der Basler Autor Patrick Tschan. Sein neuer Roman «Der kubanische Käser» ist ein packender Schelmenroman. Der Noldi Abderhalden, 16, hat Liebeskummer und verdingt sich im Suff den katholischen Truppen. Es ist die Zeit des dreissigjährigen Kriegs. Erst geht es als Söldner ins Veltlin, dann als Kriegsheld an den spanischen Königshof. Denn Noldi hat mit einer Hand - oh Wunder - eine Kanonenkugel abgewehrt und damit seinem Feldherrn das Leben gerettet.  Doch am Hof lässt er kein Liebesspiel mit diversen Marquesas und Princesas aus und kriegt Zoff mit der Inquisition. Nach Kuba verbannt widmet er sich dann der Käseproduktion. Ein Mix aus Märchen, Abenteuer- und Liebesgeschichte. Für alle, die sich zu Schelmen hingezogen fühlen.

 

Das Wichtigste zum Schelmenroman in Kürze: Diese Romanform ist in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Spanien entstanden. Hat dann in Europa – weil unterhaltsam – viele Nachahmer gefunden. Die Figur des Schelms stammt meist aus einfachen Verhältnissen, ist ungebildet, aber «bauernschlau». Er geht auf Reisen, erlebt Abenteuer, gerät in Kriegsscharmützel, durchläuft z. B als Kuhhirt, Soldat, Kriegsheld und Chronist alle möglichen gesellschaftlichen Schichten und wird dadurch zu deren Spiegel. Traditionell ist der Schelmenroman in der Ich-Form geschrieben, als fingierte Autobiografie. Der Ich-Erzähler blickt auf sein Leben zurück. Und was der Clou dabei ist: Unterhaltung, Dichtung und Gesellschaftskritik gehen dabei Hand in Hand!

Mein Solothurner Literatur-Tage-Buch

Die Highlights der Solothurner Literaturtage 2019: Vier Tage rase ich durch Solothurn, vom 31.5 bis 2.6. Und berichte euch laufend über die besten Bücher und überraschendsten Begegnungen. Habt ihr schon gewusst, dass Milena Moser an einer mexikanischen Kultur- und Liebesgeschichte schreibt? Oder der neue Ferdinand von Schirach geistreich und tiefgründig ist?

 

Der Countdown für die Solothurner Literaturtage läuft!

Nell Zink verführt mich zum Oreo-Futtern

In Solothurn mit dabei ist die Amerikanerin Nell Zink mit ihrer Gesellschaftssatire «Virginia». Ein Oreo von einem Buch! 

Der neue Roman «GRM» von Sibylle Bergs ist nichts für mich!

Dystopien sind keine Wohlfühlbücher, sondern die besten Gegenwartsanalysen, die man kriegen kann. Sie malen ganz gezielt ein düsteres Bild der Zukunft, um damit den Blick für die Gegenwart zu schärfen. Ich lese sie als literarische Sorgenbarometer einer Gesellschaft, in der sich das einzelne Individuum, mit seinen Wünschen, Bedürfnissen und Zukunftsängsten, nicht mehr aufgehoben fühlt. Unbedingt zu lesen, sind die Klassiker «1984» von George Orwell und «Brave New World» von Aldous Huxley. Oder dann «The Circle» von Dave Eggers, «Die Hochausspringerin» von Julia von Lucadou oder aus dem arabischen Raum «Die 33. Hochzeit der Donia Nour» von Hazem Ilmi. Aufwühlende Bücher, die aktueller nicht sein könnten!

 

Auch Sibylle Bergs neuer Roman «GRM» ist ein Dystopie. Ich habe eben meiner Tochter, 10, erzählt, um was es darin geht. Ihr Kommentar: «Weg damit!» Und eigentlich hat sie da ja recht. Langsam habe ich diese düster-dystopischen Romane satt, die die Gegenwart schwärzer als schwarzmalen und einem noch das letzte Quäntchen Optimismus austreiben. Das Setting: Der perfekte Überwachungsstaat, irgendwann nach dem Brexit. Die Story: Vier Jugendliche in Manchester rebellieren gegen den «Brainfuck» der heutigen Welt. Wo Algorithmen die Menschen ersetzen, wo die Jungen wie Junkies alle 10 Minuten ihren Instagram-Account checken. Wo das reale Leben langweiliger als das virtuelle Leben geworden ist. Wo die Kids verwahrlost und verloren sind, weil die Eltern auf dem Egotrip und überfordert sind. Wo die modernen «Steinzeit»-Frauen wieder an den Haaren von den Männern aus den Höhlen geschleppt werden. Wo sich die Krisen der Gegenwart in Ohnmachtsgefühlen, Wut, massloser Gewalt, Rassismus und Frauenfeindlichkeit manifestieren.

 

Mein  Fazit: «GRM» ist Sibylle Bergs radikalstes Buch. Sie trifft damit den Nerv der Zeit. Den einen mag das gefallen. Bei mir hat Bergs Programmiersprache «Brainfuck» allerdings nicht funktioniert. Zu trashig, zu bitter. Obwohl: das mit den Avataren habe ich clever gefunden.

Lemon & Chili aus Mexiko

Diese zwei Neuerscheinungen aus Mexiko lassen mich die die Welt um mich herum vergessen. Dem Mexikaner bin ich zufällig auf einer Joggingrunde begegnet.

I love Japan

Diese Bücher erzählen von ewigen Singles, Love Hotels und dünnen Wänden, von Katzentötern, schwebenden Rauchern, der Suche nach Nilpferden und von der Kirschblüten-Zeit! Habt ihr gewusst, dass man diese Hanami nennt? Das heisst «Blüten schauen». In der Regel ist damit ein Picknick unter blühenden Kirschbäumen gemeint. Die Kirschblüte gilt als Symbol für Schönheit und Vergänglichkeit. «Liebe auf Japanisch» von Kerstin und Andreas Fels ist ein unglaublich origineller Reiseführer. Er kommt als moderne Love-Story daher. Kenji und Yukiko heissen die beiden Hauptfiguren. Sie führen mich durchs Tokio des 21. Jahrhunderts - auf der Suche nach der Liebe. Und wer noch mehr über Japan erfahren will – über den aktuellen Kaiserwechsel, über die älteste Monarchie der Welt und ihren Gründungsmythos, der kann das in dieser Kontext-Sendung.

 

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Kanae Minato schleudert mich dieses Mal nicht aus der Bahn

Bei Krimi-Meisterin Kanae Minato setze ich die Messlatte hoch. Ihr Thriller «Geständnisse» ist für mich einer der besten überhaupt. Er ist verstörend gut. Ich fühle mich beim Lesen wie auf einer Kamikaze- Achterbahn. Erst geht's ruckelnd hoch. Dann rase ich in die Tiefe und kreische mir das halbe Halszäpfchen raus.  Klickt hier und ihr erfahrt mehr über «Geständnisse».

 

Nur leider ihr neuer Krimi «Schuldig» - GÄHHHHN – ist das Gegenteil davon. Erzählt wird die Geschichte von fünf Studenten aus Tokio. Sie verbringen einige Ferientage in einem Bergkaff.

Der Weg dorthin ist kurvig. Einer der Freunde – Hirosawa - kommt von der Strasse ab und stirbt. Drei Jahre später erhalten seine Freunde anonyme Briefe, in denen sie des Mordes an Hirosawa beschuldigt werden. Ist an diesen Anschuldigungen etwas dran?

 

Ich verrate nur so viel: Suchst du Ruhe, lass dich auf dieses belanglose Geplätschere ein. Suchst du Thrill, dann lass es sein!

 

Auf den Spuren einer Urgrossmutter

Nachdem ich heute drei Mal den Zug und eine Buchvernissage verpasst habe, wollte ich wenigstens etwas Kluges tun und habe schnell einen Blick in den historischen Roman «Nach Ohio» von Benedikt Meyer geworfen. Doch aus schnell ist lang geworden. 
Die Geschichte seiner Urgrossmutter aus Oberwil, die mit 19 für fünf Jahre nach Amerika ausgewandert ist, hat mich fasziniert. So eine interessante und mutige Frau, die aufbricht in ein neues Leben, weil ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fällt und sie endlich etwas erleben will.


Ein Abenteuerroman, ein Zeitdokument, ein Roadmovie. Grossartig erzählt. Meyer fährt mit dem Velo nach Ohio auf den Spuren seiner Fanni und haucht ihr damit Leben ein. Gut, die vielen 3er-Aufzählungen haben mich leicht gestresst. Aber damit füllt Meyer offenbar gerne historische Lücken.

Mein Fazit: Ich wünschte mir, auch ich wäre im Besitz einer solch gelungenen Hommage an meinen Urgrossvater. Er ist auch um 1890 ausgewandert, aber nach Argentinien. Er wurde in der Schweiz versehentlich beerdigt, weil er jemandem seinen Pass geliehen hat, der dann auf der Rückfahrt nach Europa samt Schiff in einem Sturm untergegangen ist. Man stelle sich den Schock, die Freude und das Glück (OHA! 3er-Aufzählung) vor, als er plötzlich wieder aufgetaucht ist!

Ein teuflisch gutes Debüt aus Tasmanien!

Davon träume ich schon lange: einmal nach Down Under, in den australischen Busch gehen. Dorthin, wo Zikaden zirpen, Giftspinnen krabbeln, Koalas sich ihre Bäuche mit Eukalyptus vollschlagen. Mit Josephine Rowes mitreissendem Debütroman «Ein liebendes, treues Tier» wird dieser Traum wahr!

 

Das beste Debüt 2018 ist...

«Mein Ein und Alles» von Gabriel Tallent. Ein verstörend guter Roman. Alle meine Überlebensinstinkte musste ich aufbieten, um den Kampf auf Leben und Tod der jungen, taffen Heldin Turtle auszuhalten. Diese wird von ihrem Vater missbraucht. Doch ihr Selbsterhaltungstrieb ist stärker - als «Alles».

 

Den Tipp für diesen Roman habe ich vom französischen Starautor Philippe Djian erhalten. So wie Tallent möchte auch er schreiben.

9 Literatur-NobelpreisträgerInnen, die ich gerne gelesen habe!

Vor 100 Jahren erhielt der Schweizer Carl Spitteler den Literaturnobelpreis. Guter Grund, mal wieder die Liste der Prämierten zu durchforsten. Puh – so viele grosse Namen sind dabei. Wen also lesen und was? Faulkner oder Camus? «Der Fremde» oder «Die Pest»? Meine Wahl steht fest!


Kamel Daoud überzeugt mich wieder!

Der neue Roman «Zabor» von Kamel Daoud liest sich wie 1001 Nacht.» Erzählt wird die Geschichte eines jungen Algeriers, der die Gabe hat, Sterbenden das Leben zu verlängern - solange er über sie schreibt. Doch als sein Vater im Sterben liegt will seine Gabe nicht so recht funktionieren. Zabor fehlt das Mitgefühl für seinen tyrannischen Vater, der ihn gepeinigt und verstossen hat.

Kamel Daouds Roman ist eine Hommage an die Macht der Worte, an die Macht des Buches. Er gibt mir eine Antwort, warum wir schreiben und lesen: «Das Bedürfnis ist uralt und lebensnotwendig. Weil es den Tod gibt, weil es ein Ende gibt und deshalb auch einen Anfang, den in uns wiederherzustellen unsere Aufgabe ist, eine erste und letzte Erklärung. Schreiben oder erzählen ist das einzige Mittel, um in der Zeit zurückzugehen, ihr zu begegnen, sie wiederherzustellen oder sie zu kontrollieren.»
Ein schlichtes, leises, philosophisches Meisterwerk über Leben und Sterben.

 

Unbedingt auch lesen: Kamel Daouds Erstling «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» zu  «Der Fremde» von Albert Camus. Daoud gibt dem namenlosen Araber in Camus Werk einen Namen und hat damit ebenfalls einen Klassiker geschaffen.

 

Marko Dinić versetzt mich in den Ausnahmezustand

Marko Dinić erzählt in seinem Debüt «Die guten Tage» von einer Jugend in Belgrad. Wie sein Ich-Erzähler als Kind Tito und Milošević geliebt und den Nato-Fliegern den Hintern gezeigt hat. Heute – 20 Jahre später – liebt er niemanden mehr. Er rechnet ab. Eindringlich und knallhart. Was mir gefällt: zwei Drittel der Handlung spielt in einem Gastarbeiterexpress. Der Ich-Erzähler ist auf dem Weg an die Beerdigung seiner Grossmutter und reist mit dem Bus von Wien nach Belgrad. Was er da erlebt ist phänomenal. Wenn ihr mal die Chance habt, lasst euch auf eine solche Busreise ein. Sie wird bestimmt ein Erlebnis sein!

 

Ein kleines, literarisches Kunstwerk

«Stirb doch Liebling» von der Argentinierin Ariana Harwicz liest sich zwar schnell - weil dünn - liegt einem dafür aber umso schwerer auf. Darf eine Mutter davon träumen, Mann und Baby umzubringen?

 

Harwicz erzählt von den seelischen Abgründe einer jungen Frau, die damit hadert Mutter geworden zu sein. Gefangen in der Mutterrolle, in der Beziehung und in der beklemmenden Abgeschiedenheit eines 

provenzalischen Dorfs.

 

Mordlust, Todessehnsucht gepaart mit sexuellem Verlangen suchen die namenlose Erzählerin heim. 

 

Ich werde in ein Wechselbad der Gefühle geworfen. Diese Protagonistin stösst mich ab. Und genau das will Harwicz. Sie spielt mit Vorurteilen und Leseerwartungen.

 

Sprachlich ist dieser Roman brillant. Und Kunst ist nicht nur, was einem gefällt!

Mit diesen vier Krimis springt ihr in den Frühling

Um fit in den Frühling zu starten, gehe ich regelmässig laufen. Manchmal muss ich dafür den inneren Schweinehund überwinden. Mein Rezept: 30 Minuten Lauftraining werden mit einer Stunde Krimi-Lesezeit belohnt. Das funktioniert aber nur, wenn die Krimis richtig gute Pageturner sind. Hier meine Tipps!